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Amphitryon Crossover

Teil 1 – Die lange Nacht

Gerade jetzt liegt er im Arme seiner Liebsten;
Und deshalb findet diese Nacht kein Ende,
Bis er den Becher seiner Lust geleert –
Und das kann dauern, könnt ihr euch ja denken!

Schauspielerin Eva-Maria Coenen

Eva-Maria Coenen

Pianistin Violeta Koshevatskaja

Violeta Koshevatskaja

Peter Welk

Peter Welk

Es ist eine uralte Theatergeschichte! Und glaubt man dem französischen Dramatiker Jean Giraudoux, der seine Version der Geschichte „Amphitryon 38“ genannt hat, so haben die Komödienschreiber von der Antike bis heute die Fabel vom Besuch des liebestollen Gottes Jupiter bei der Ehefrau des trojanischen Feldherren Amphitryon – und er kommt nicht als Gott, er erschleicht sich Alkmenes Zuneigung in der Gestalt ihres Ehemannes – so haben die Dichter diese Fabel mindestens 38mal variiert, parodiert, zugespitzt und mit zusätzlich erfundenen Abenteuern und heiter ausgedachten Weltuntergängen ausgestattet. Vier dieser einfallsreichen Komödianten werden zum Kleist–Jahr im Theatermuseum als gemeinsam auftretendes Autorenquartett zu Wort kommen: Plautus, der römische Possen–Schreiber; Molière, der ironisierende Lustspiel–Erfinder; Giraudoux, der ausgelassen experimentierende Figurenzauberer; und Kleist, der Dichter des Tragischen im heiter umspielenden Komischen. Nicht hintereinander werden die Vier zu hören sein! Vielmehr entwickelt sich die Fabel wie eine Fortsetzungsgeschichte aus vier Dichter–Perspektiven gleichzeitig: von der „langen Nacht“ bis zum „dicken Ende“.
Jedem der vier Programme wird ein Prosatext Kleists vorangestellt. Teil eins beginnt mit dem „Brief eines Dichters an einen anderen“. 


Teil 2 – Katastrophendurcheinander

JUPITER
So öffne mir dein Innres denn und sprich,
Ob den Gemahl du heut, dem du vermählt bist,
Ob den Geliebten du empfangen hast?

ALKMENE
Ich glaubs – dass mir – ein anderer – erschienen.
O mein Gemahl! Kannst du mir gütig sagen,
Warst dus, warst du es nicht? O sprich! du warsts!

Jupiter hat sich in der Gestalt Amphitryons das Ehebett Alkmenes ergaunert. Nach einer langen Nacht – die der Göttervater mit Hilfe himmlischer Tricks grandios in die Länge zu ziehen wusste – stiehlt er sich im Morgengrauen davon, denn der wahre Amphitryon kommt an diesem Morgen aus dem Krieg zurück. Der eitle Gott weiß, der Ehemann wird nun bei Alkmene um lang entbehrte Ehepflichten nachsuchen, also will er rasch noch wissen, der Eitle: Habe ich in der langen Nacht über den Irdischen als Liebhaber triumphiert? War ich der Bessere? Schon der Possen–Erfinder Plautus hat aus dieser szenischen Konstellation jede Menge Verwicklungs– und Verwechslungs–Möglichkeiten herausgeschlagen, und von Molière bis Giraudoux haben die Dichter die Fabel dann weiter bis ins Groteske ausgesponnen. Kleist hat sich mit seiner Version der Geschichte bis in die Wonnen der Paradoxie vorgewagt. – Teil zwei der Amphitryon–Reihe beginnt mit Kleists Prosatext „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“.


Teil 3 – Verwirrung der Gefühle

ALKMENE
Aber ob Jupiter am Tage der Schöpfung wirklich gewusst hat, was er erschaffen wollte? … Er hat die Erde erschaffen, ja. Aber die Schönheit der Erde erschafft sich selbst jede Minute neu. Gerade ihre Vergänglichkeit ist das Wunderbare an ihr. Und Jupiter ist viel zu ernsthaft und erhaben, als dass er so Vergängliches hätte schaffen wollen.

Giraudouxs Alkmene plaudert nach der Liebesnacht mit dem Gott über Gott und die Welt und die Liebe. Allerfeinstes Konversationstheater! Kontrastierend dazu, was Goethe in seinem Tagebuch notierte: „Molière lässt den Unterschied zwischen Gemahl und Liebhaber vortreten, also eigentlich nur ein Gegenstand des Geistes, des Witzes und zarter Weltbemerkung. Kleist geht bei den Hauptpersonen auf die Verwirrung des Gefühls hinaus.“ Im Mittelpunkt des dritten Amphitryon–Teiles steht die berühmte fünfte Szene des zweiten Aktes, die Kleists ureigene Erfindung ist (seinen Amphitryon hat er, wie er selbst anmerkt, „nach Molière“ verfasst). Es wird für die Schauspieler eine herausfordernde Gestaltungsaufgabe sein, Goethes Beobachtung von der Verwirrung des Gefühls aus Kleists Versen herauszuarbeiten. – Teil drei der Amphitryon–Reihe beginnt mit biografischen Notizen zu Kleist und seiner berühmten „Anekdote aus dem letzten Preußischen Kriege“. ( Hier im Live-Mitschnitt:  Anekdote aus dem letzten Preußischen Kriege live >>> )


Teil 4 – Das dicke Ende

JUPITER
Sei guten Mutes, mein Amphitryon!
Ich nahte dir und deinem Haus in Gnade.
Ich wählte mir Alkmenes edlen Leib,
Um dieser Welt ein Götterkind zu schenken.

Vom Kind Herakles (Herkules) ist die Rede. Der Dichter Plautus lässt seinen Olympier mit dem Hinweis auf muskelbepackte Nachkommenschaft von den Thebanern Abschied nehmen. Auch bei Molière darf sich der Göttervater aus dem Liebesabenteuer mit gönnerhafter Geste zurückziehen. Giraudoux nimmt Jupiter am Ende seiner Geschichte alle Wichtigkeit: „Lassen wir nun zu guter Letzt noch einmal Alkmene und ihren Gatten erscheinen, mit sich allein in einem Kreis von Licht, in dem mein Arm nichts zu bedeuten hat als wie ein Zeiger nur den Weg des Glücks zu weisen; und über dieses Paar, das nie sich vergangen hat und niemals vergehen wird – Vorhänge ihr dort oben der Nacht, die ihr so lange schon an euch haltet, senkt euch.“ Bei Kleist endet alles mit einem “Ach!” – Also: Wie kommen die vier Komödienschreiber aus all den Katastrophen, die sie angezettelt haben, wieder heraus? Auf diese Frage gibt Teil vier der Amphitryon–Reihe eine Antwort. Er beginnt mit Kleists Prosatext „Über das Marionettentheater“.

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